Amara - Bitterstoffe in der Phytotherapie

«Was bitter im Mund, ist dem Magen gesund», sagt der Volksmund. So ist schon seit langem bekannt, dass der Körper durch die Einnahme von Bitterstoffen gekräftigt wird.

Amara - Bitterstoffe in der Phytotherapie

Die bitteren Bestandteile der Pflanzen zählen nicht zu den Nährstoffen. Sie werden als sekundäre Pflanzenstoffe bezeichnet und bilden unter den Bitterstoffen (Amara) eine eigene Wirkstoffklasse. Chemisch gesehen sind sie unterschiedlich aufgebaut, dennoch haben sie alle etwas gemeinsames - sie fördern die Verdauung. Bitterstoffe werden vor allem zur Anregung von Speichel-, Magen- und Gallenausschüttung genutzt. Typische Beispiele hierfür sind die Inhaltsstoffe von Enzian, Tausendgüldenkraut, Meisterwurz, Fieberklee, Wermut (Absinth), Andorn, Hopfen oder Schafgarbe. Zudem wirken Bitterstoffe anregend auf den Kreislauf und auf das Abwehrsystems des Körpers.

Bitterstoffe in der Geschichte

Bitterstoffe hatten in der Volksheilkunde vieler Kulturkreise eine große Bedeutung. Durch Beobachtungen konnte man feststellen, dass die Substanzen zu einer besseren Gesundheit und Vitalität führten. Bereits im Altertum wurde bei der Behandlung verschiedenster Krankheiten besonderer Wert auf die Bitterstoffe gelegt. So empfahl der griechische Arzt Hippokrates (460 bis 370 vor Christus) die bitteren Kräuter als Vorbeugemittel gegen vielerlei Beschwerden. Es befanden sich unter seinen 260 Arzneimitteln allein 30 Bittermittel (Amara) die er als Therapeutika einsetzte. Auch Antonius Musa (60 nach Christus), der Leibarzt des Kaisers Augustus, empfahl dem römischen Volk zur Förderung der Verdauung täglich ein Schälchen bittere Kräuter zu sich zu nehmen. Die bekannte Klosterfrau Hildegard von Bingen (1098 bis 1179), war eine Befürworterin von natürlichen Bitterstoffen und setzte sie im Rahmen der Klostermedizin ein. Der Arzt und Lehrer Paracelsus, mit bürgerlichem Namen «Theophrastus Phillipus Aureolus Bombastus von Hohenheim» referierte im 16. Jahrhundert mit folgenden Worten: «Der Tod sitzt im Darm» und stellte ein Elixier für ein gesundes und langes Leben zusammen. Es enthielt neben Myrrhe, Aloe und Safran auch verschiedene Bitterwurzeln. Diese Mischung gibt es heute noch als Grundrezept, das als «Schwedenbitter» bezeichnet wird. Heute werden um die 250 Pflanzen medizinisch genutzt, wie beispielsweise die Chinarinde, der gelbe Enzian oder das Tausendgüldenkraut.

Eigenschaften der Bitterstoffe

Wegwarte

Bitterstoffe dienen im Pflanzenreich als Fraßschutz. Sie sind oft in Wurzeln enthalten, aber auch in Blättern und Fruchtschalen. Bitterstoffe gehören nicht zu einer einheitlichen Stoffgruppe. Einziger Schwerpunkt dieser chemisch unterschiedlichen Zusammensetzungen von Pflanzen ist der bittere Geschmack. Bitterstoffdrogen werden in der Phytotherapie als «Amara» bezeichnet. Von tausend Arzneiverbindungen in der Pflanzenheilkunde sind ungefähr ein Drittel Amaragemische. Diese sind beispielsweise in Form von Würze (Ingwer), als Aperitif (Artischocke) oder als Bier (Hopfen) zusammengesetzt. Die Gemische werden unterschieden in terpenoide (Mono-, Sesqui-, Di- und Triterpene) und nicht-terpenoide Bitterstoffe. Zu den bekannten Bitterstoffen zählen die Sesquiterpenlactone der Korbblütler wie beispielweise das Absinthin im Wermutkraut (Absinthii herba). Die Flavanonglykoside der Citrus-Arten sowie die Phloroglucinderivate der Hopfenzapfen (Lupuli strobulus) hingegen gehören zu den nicht-terpenoiden Bitterstoffen. Generell kommen Bitterstoffe in vielen Pflanzen vor. Von medizinischer Bedeutung sind vor allem die Bitterstoffe von Enzian, Tausendgüldenkraut oder Wermutkraut relevant. Die meisten Bitterstoffe sind hitzeempfindlich. Bei falscher Zubereitung sowie bei zu langer Lagerung nimmt der Bittergehalt ab.

Vier Gruppen von Bittermittel

Tausendgüldenkraut

Die Amara werden je nach Zusammensetzung und ihrer Inhaltsstoffe in vier Gruppen unterteilt. Die «Amara tonica», enthalten hauptsächlich Bitterstoffe. Sie wirken auf die Sekretion und Motorik des Verdauungstraktes und sind allgemein tonisierend. Sie gelten als gutes Aufbau- und Kräftigungsmittel bei körperlicher und seelischer Schwäche sowie nach längerdauernder Erkrankung, um die Rekonvaleszens zu verkürzen. Zu dieser Gruppe werden neben dem Enzian auch das Tausengüldenkraut, Bitter- oder Fieberklee, Löwenzahn, Andorn, Hopfen, Artischocke, Wegwarte und die afrikanische Teufelskralle gezählt. In der nächsten Gruppe, den «Amara aromatica» sind neben den Bitterstoffen noch ätherische Öle enthalten. Die Öle wirken zusätzlich krampflösend, gallefördernd, entzündungshemmend und blähungstreibend. Zu dieser Gruppe gehören das Benediktenkraut, Engelwurz (Angelika), Schafgarbe, Wermut, Kalmus, Pomeranze und Orange. Die «Amara acria» enthalten neben den Bitterstoffen noch Scharfstoffe, wie sie beispielsweise auch im Galgant, Gelbwurz oder Ingwer enthalten sind. Diese Stoffgruppe wirkt ebenfalls krampflösend. Die vierte Gruppe «Amara mucilaginosa» besitzt einen bitteren Geschmack und enthält schleimhaltige Stoffe. Diese Amara fördern die Bindung von Magensäure, die Schleimhaut wird mit einer Schutzschicht überzogen. Hierzu gehört vor allem das Isländisch Moos - es hat dafür eine Positivmonographie erhalten.

Wirkung über die Zunge

Die Bitterstoffe entfalten ihre Wirkung bereits im Mund und zwar an den sensiblen Geschmacksknospen der Zunge. Sie sitzen am Zungengrund und erneuern sich nach etwa einer Woche. Die Geschmackrichtung «bitter» wird auf den Sinneszellen der Zunge wahrgenommen. Auf diesen Zellen sitzen bestimmte Rezeptoren, die dann Signale über die Nervenbahnen an die Großhirnrinde weiterleiten. Über diesen Weg nimmt der Mensch den Geschmack von «Bitter», «Süß», «Sauer», «Herzhaft» oder «Salzig» wahr. Es gibt etwa 25 Geschmackrezeptoren, die auf Bitteres reagieren. Kinder besitzen im Gegensatz zu den Erwachsenen mehr Geschmacksknospen, sodass sie auf Bitterstoffe sensibler reagieren. Ältere Menschen hingegen verfügen über eine geringere Anzahl und sind daher weniger geschmacksempfindlich. So wirken Bitterstoffe bei der älteren Generation, die oft einen «saft- und kraftlosen» Magen haben, besonders gut. Bitterstoffe sind appetitfördernd und regen die Produktion der Verdauungssäfte in Mund und Magen, der Bauchspeicheldrüse sowie in der Galle an. Dabei kommt die Verdauung in Schwung und Giftstoffe können besser ausgeschieden werden. Zudem besitzen sie entblähende und gärungshemmende Eigenschaften und verbessern die Aufnahme von Nährstoffen, Vitaminen und Mineralien. Bitterstoffe sorgen auch für einen Ausgleich von Säuren und Basen im Körper. Ferner wirken sie leicht fiebersenkend und unterstützen das Immunsystem. Außerdem wird durch die Erhöhung der Eisen- und Vitamin-B12-Aufnahme über den Darm die Blutbildung angeregt.

Mit Bitterdrogen zu mehr Antriebskraft

Gelber Enzian

Bitterstoffe dienen nicht nur als Verdauungshilfe, sondern auch als Kräftigungsmittel und Muntermacher. Sie gelten als sogenannte «Mutmacher» und tragen dazu bei, Depressionen und Ängste zu mindern und die Entscheidungskraft bei Problemen zu verbessern. Sie gleichen das vegetative Nervensystem aus, weil sich durch ihre Wirkung der Parasympathikus und Symphathikus wieder harmonisch einschaukeln. So bekommen vagotone Menschen mehr Antriebskraft und sympathikotone Menschen können sich wieder entspannen. Bitterdrogen werden daher auch bei Stimmungsschwankungen, im Alter und beim Erschöpfungssyndrom angewandt. Der Volksmund sagt: «Bitter ist gut für Herz». Heute weiss man, dass sie die Kontraktionsfähigkeit des Herzens steigern. Blut und Wärme verteilen sich im Körper, dadurch werden die Herzkranzgefäße besser versorgt.

Einnahme, Nebenwirkungen und Gegenanzeigen

Bitterstoffe können auch als Nahrungsmittel wie beispielsweise Löwenzahnsalat, Chicorée, Radicchio oder Endiviensalat verzehrt werden. Vor allem als Tee, Teemischungen, Tinktur, Frischpflanzensaft oder als alkoholischen Auszug (Schwedenbitter, Aperitiv, Digestif) tragen sie zu einem gesunden Leben bei. Da jede Bitterstoffpflanze ein eigenes spezifisches Wirkprofil besitzt, müssen Dosis und Einnahmezeit der jeweiligen Pflanze beachtet werden. Bitterstoffe sind hitzeempfindlich und sollten lediglich mit heissem Wasser überbrüht werden. Kalte Zubereitungen wirken in der Regel effektiver. Bitterstoffe sollten außer mit Süßholz nicht gesüßt werden, weil die Wirkung bereits im Mund einsetzt. Ferner sollten Mischungen nach etwa fünf Wochen geändert werden, da die Wirkung mit der Zeit nachlässt. Bei zu hohen Dosen können gegenteilige Effekte auftreten - die Verdauungstätigkeit wird verlangsamt. Auch Übelkeit und Brechreiz können sich einstellen. Bitterdrogen dürfen bei einem Magen- oder Zwölffingerdarmgeschwür, Übersäuerung sowie bei Gallensteinen (bei hohem Bitterwert) nicht eingesetzt werden. Empfindliche Menschen reagieren manchmal mit Kopfschmerzen oder Migräne.

Bitterstoff-Rezepte

Teemischung bei Verdauungsstörungen mit Völlegefühl und Blähungen

30 g Enzianwurzel, 30 g Fenchelfrüchte, 25 g Anisfrüchte und 15 g Kümmelfrüchte. Ein bis zwei gehäufte Teelöffel dieser Mischung mit 250 ml heissem Wasser übergießen, 10 Minuten zugedeckt ziehen lassen und abseihen. Jeweils eine Tasse etwa eine halbe Stunde vor dem Essen trinken.

                  

Appetitanregender Tee

Je 10 g Tausendgüldenkraut, Enzian- und Süßholzwurzel und Rosmarinblätter. Einen Teelöffel dieser Mischung mit 250 ml heissem Wasser übergiessen und sieben Minuten zugedeckt ziehen lassen, abseihen und eine halbe Stunde vor dem Essen trinken.

         

Teemischung bei nervösen Magenbeschwerden

Je 20 g Melissenblätter, Angelikawurzel (Engelwurz), Hopfenzapfen, Pfefferminzblätter, Kamillenblüten. Einen Teelöffel dieser Mischung mit 250 ml heissem Wasser übergiessen und sieben Minuten zugedeckt ziehen lassen, abseihen und eine halbe Stunde vor dem Essen schluckweise trinken.

Vital und schlank mit Bitterstoffen

Wer Artischocke, Löwenzahn, Rucola & Co. in seinen täglichen Speiseplan aufnimmt, schenkt sich Energie und Lebensfreude, denn die darin enthaltenen Bitterstoffe stärken das gesamte Verdauungs- und Immunsystem. Sie wirken stark basisch und sorgen für eine bessere Aufnahme von Nährstoffen und Vitaminen. Die Verbrennung der Fettzellen wird angekurbelt, das Abnehmen fällt leichter. In ihrer erweiterten Neuauflage befasst sich Christiane Holler nicht nur mit der Wirkung der Pflanzen, sondern gibt auch zahlreiche Anregungen zur Gestaltung des Speiseplanes anhand zahlreicher leicht nachvollziehbarer Rezepte.

Vital und schlank mit Bitterstoffen
Löwenzahn, Rucola, Grapefruit & Co.
Mit vielen Rezepten
von Christiane Holler

Gebundene Ausgabe: 144 Seiten
Verlag: Kneipp Prävention und Therapie