Zeit für Yoga

Etwa drei Millionen Menschen praktizieren in Deutschland Yoga - mit wachsender Tendenz. Durch die schnelllebige Zeit steigt das Bedürfnis nach Entspannung und einer Entkrampfung des Körpers. Hierfür scheint Yoga wie geschaffen.

Yoga stammt aus Indien und wird dort seit etwa dreitausend Jahren praktiziert. Die Lehre vom Leben hat sich aus den verschiedenen geistigen und spirituellen Strömungen Indiens entwickelt. Das Wort «Yoga» kommt aus dem Sanskrit, was sowohl «Vereinigung» als auch «anschirren» oder «anjochen» bedeutet. Ursprünglich war damit das Anspannen von Zugtieren wie beispielsweise Pferden oder Ochsen an einen Pflug oder Karren gemeint. Da das Anspannen der Tiere eine Verbindung beider Lebewesen bedeutet, werden die zwei Urelemente des Yoga deutlich, und zwar eine Zusammenfügung von Lenkung und Kontrolle. So bedeutet das Wort «Yoga» weitgehend die Verschmelzung von Körper, Geist und Seele. Durch Konzentration und Meditation erlangt der Mensch zudem die Vereinigung mit dem Göttlichen. Yoga ist ein ganzheitliches Training und beugt gegen eine Vielzahl von Beschwerden wie beispielsweise Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich, Rückschmerzen oder Schlafstörungen vor, deren Ursache oft im psychosomatischen Bereich zu finden sind.

Auf dem Pfad der Befreiung

Die Anfänge der Yoga-Geschichte liegen weitgehend im Dunkel der Zeit. Vor etwa dreitausend Jahren wird in den indischen Weisheitstexten (Veda) die Existenz von heiligen Männern erwähnt, die bereits über detaillierte Kenntnisse von speziellen Atemtechniken und Meditationsformen verfügten. Diese Methode wird heute als die Vorform der heutigen Yoga-Praxis angesehen. Zwischen dem zweiten und vierten Jahrhundert nach Christus verfasste der indische Gelehrte Patanjali, der auch als «Vater des Yoga» bezeichnet wird, die sogenannten Sutras. Er legte in diesen 196 Lehrsätzen die bis heute geltenden klassischen Yoga-Regeln fest. Diese Grundschrift ist geprägt vom dualistischen Weltbild der altindischen Samkhya-Philosophie. «Aus der Samkhya-Tradition, die das Universum auf intellektueller Ebene beschreibt, stammen auch die Systeme der fünf Elemente (Raum, Luft, Erde, Wasser und Feuer) sowie die drei Doshas des Ayurveda (Kapha, Pitta, Vata)», erklärt die Yoga-Lehrerin Annette Grein aus Oberaudorf im Inntal. «Die Yoga-Sutren des Patanjali zielen hingegen darauf ab, alle Täuschungen, alles Nicht-Wissen hinter sich zu lassen, damit man zum wahren Selbst - der völlige Ruhe des Geistes - gelangt. So entwickelte er, um von dem ego-betonten Irrweg abzukommen, den achtstufigen Yogapfad der Befreiung.» Heute wird diese Form der Meditation als Raja-Yoga, der königliche Yoga-Weg, bezeichnet:

  • Yama bezieht sich auf ein ethisches Verhalten (z. B. Gewaltlosigkeit).
  • Niyama umfasst Disziplin und Selbstberrschung.
  • Asana bedeut Körperstellung: Hierfür ist die richtige Haltung notwendig, um Frieden zu erlangen und in Kontakt mit seinem Selbst zu treten.
  • Pranayama (Atemtechnik): Dadurch erreicht man die bewusste Herrschaft über Herz- und Pulsschlag.
  • Durch Pratyahara (Rückzug der Sinne) wird das Bewusstsein von den Sinnesorganen gelöst.
  • Dharana (Konzentration) bedeutet den Geist auf Gott zu richten.
  • Dhyana (Meditation) führt zum Erleben der Unendlichkeit.
  • Samadhi bedeutet das Einssein mit dem Göttlichen oder Eins-Sein mit Gott

«Das Ziel beim Yoga ist es, die achte Stufe zu erreichen, um zur Selbstvervollkommnung sowie zur völligen Verbindung mit dem Göttlichen zu gelangen», weiss Anette Grein, «dabei geht es auch immer darum, was man fühlt und empfindet. Der Weg zu unserem wahren Selbst führt über die Beobachtung - das heisst, beobachten, was in uns abläuft. Es geht darum, nicht weiter darüber nachzudenken, sondern einfach nur zu erleben und zu beobachten. Man sagt, dort, wo das Licht des Bewusstseins sich begegnet, löst sich alles auf und wird zu reinem Licht oder Liebe. Durch die Asanas wird der Körper geschult und darauf vorbereitet, die kosmische Energie aufzunehmen, um dann in den Zustand der tiefen Meditation zu tauchen.»

Kräfte schöpfen durch Hatha-Yoga

Unter den vielen Yoga-Wegen hat Hatha-Yoga, der sich im sechsten Jahrhundert aus dem Tantrismus entwickelte, die grösste Verbreitung gefunden. Der Begriff Hatha-Yoga leitet sich von «ha» Sonne und «tha» Mond ab, und beschreibt das vereinende Prinzip der gegensätzlichen Energien. Hatha-Yoga stellt eine Ausweitung der Asana-Praxis aus dem Raja-Yoga dar, bei der die Selbstfindung durch Körperübungen integriert wird. So beinhaltet der Hathy-Yoga nicht nur Bewegungen die auch im Alltag vorkommen, sondern bezieht beispielsweise auch Vor-, Rück- und Seitbeugen, Drehungen, Sitzhaltungen sowie Gleichgewichts- und Atemübungen mit ein. «Bei den verschiedenen Übungen und Körperpositionen werden gleichzeitig Bewegung, Atmung und Konzentration trainiert, sodass sich das Bewusststein für Körper, Geist und Seele zu einer Einheit entwickelt», erzählt die Expertin. Durch Hatha-Yoga werden die Muskeln gestärkt, der Kreislauf kommt in Schwung, das Nervensystem gelangt zur Ruhe und die Konzentrationsfähigkeit wird gesteigert. Belastungen des Alltags wie Leistungs- oder Termindruck sowie zwischenmenschliche Konflikte können zu körperlichen Verspannungen, depressiven Verstimmungen, Kreislaufbeschwerden oder Abnützungserscheinungen an den Gelenken führen. Mit Hatha-Yoga kann man schon nach kurzer Zeit spürbare Veränderungen erreichen. Auf die Frage, wie eine klassische Hatha-Yoga Stunde abläuft, antwortet Annette Grein: «Sie wird in einer ruhigen und entspannten Atmosphäre durchgeführt. Hierfür gibt es aber keine festen Sequenzen. Ob Musik gespielt wird oder nicht, hängt vom Therapeuten ab. Auch die Abfolge des Trainings ist von Lehrer zu Lehrer verschieden. Die Körperübungen werden sinnvoll aufeinander aufgebaut. Eine natürliche Atmung rundet die Stunde ab und beruhigt den Geist.»

Moderne Yoga-Formen

Ausgehend vom Hatha-Yoga entwickelten sich im Westen vielförmige Yoga-Richtungen. «Die verschiedenen Stile unterscheiden sich in ihrer Intensität der Ausführung, in der Genauigkeit der Ausrichtung, ob Mantras gesungen werden oder nicht, ob Musik gespielt wird oder nicht, ob Pranayama (Atemübungen) durchgeführt werden oder nicht, ob meditiert wird oder nicht», so Annette Grein. «So legen erfahrene Yoga-Lehrer ihre verschiedenen Ansätze zum Beispiel mehr auf die körperliche Fitness, andere auf die gesundheitsfördernden Eigenschaften dieser Methode oder auf die geistige Entwicklung». Durch diese Vielfalt kann jeder die Yoga-Richtung wählen, die am besten zu seinem Lebenstil passt.

Kurze Beschreibung einiger Yoga-Richtungen:

Vini-Yoga:
Diese Yoga-Praxis wurde von Sri Krishnamarcharya (1888 bis 1989) entwickelt. Durch seinen Sohn Desikachar wird dieser Yoga-Stil heute in vielen Ländern praktiziert. Hierbei wird im besonderem Maße auf die Bedürfnisse des Einzelnen eingegangen. Die Bewegungen sind leicht und gehen synchron mit dem Atem. Vini-Yoga hat eine beruhigende Wirkung und lässt sich bis ins hohe Alter praktizieren.

Iyengar-Yoga
Dieser Stil wurde von dem Inder B.K.S. Iyengar, einem Schüler von Sri Krishnamarcharya, geprägt. Iyengar-Yoga gewann im Westen grossen Zuspruch. Die Richtung ist sehr wissenschaftlich und spricht dadurch eher intellektuelle Menschen an. Bei den Übungen werden Hilfsmittel wie Seile, spezielle Bänke oder Stühle mit einbezogen. Besonders Vata-Typen die gerne in Bewegung sind, werden von dieser Yoga-Richtung angezogen.

Power-Yoga
Der Erfinder ist Bryan Kest. Er hat die Bezeichnung «Power-Yoga» nicht urheberrechtlich schützen lassen. Deshalb kann diese Richtung stark variieren. Grundsätzlich sind die Übungen immer sportlich, «hart, weil das Leben hart ist» (Kest) - sie erfordern Kraft und Ausdauer. Bryan Kest setzt in seinen Workshops dem Ehrgeiz, der dabei entsteht, deutliche Grenzen. So entwickelte er Power Yoga als sanftere Interpretation von Ashtanga Yoga. Hierbei legt er seinen Schwerpunkt auf die selbstbewusste Achtung der eigenen Grenzen.

Sivananda-Yoga
Die meisten Zentren und Ashrams hat Svami Vishnu Devananda (1927 bis 1993) gegründet. Der indische Arzt integrierte die grossen indischen Yogaschulen, zu denen neben Hatha Yoga auch die Hingabe (Bhakti-Yoga), das gute Handeln (Karma-Yoga) und die Entwicklung von Weisheit (Jnana-Yoga) gehören. Die meisten Klassen folgen einem festgelegten Ablauf von Mantra-Rezitation, Atemübung (Pranajama), Aufwärmen durch Sonnengrüße und einer Sequenz aus zwölf Grundübungen, der sogenannten Rishikesh-Reihe. Dabei werden die Asanas intensiv durchgeführt und von den Übenden wird eine grosse Beweglichkeit verlangt. Eine Tiefenentspannung, Meditation, das Singen von Mantras sowie das Zubereiten von vegetarischen Gerichten ergänzen die Übungen.

Tri-Yoga
Diese Yoga-Richtung wurde von der Amerikanerin Kali Ray ins Leben gerufen. Die ehemalige Meditationslehrerin verlieh ihrer Erleuchtung im Jahr 1980 mit spontanden Bewegungen Ausdruck, die dem klassischen Yoga sehr ähnelten. Die Praxis verbindet Atem, Körperbewegung und Fingerstellung (Mudras). TriYoga-Lehrer weisen jedes Detail in der Haltung und sogar bei den Übergängen mit englischen Fachausdrücken an. Die Bewegungen sind wunderbar fliessend. Allerdins sollte man sich auf eine gewisse esoterische Tonlage und die liebevolle Verehrung der Stilgründerin einstellen.

Geistige Vertiefung mit Bewegung

Yoga stärkt nicht nur den Körper, sondern auch Geist und Seele. Durch die körperlichen Übungen neben Atemtraining und Tiefenentspannung erreicht man einen inneren Zustand von absoluter Harmonie und Ruhe. Als ganzheitliche Methode beugt Yoga einer Vielzahl an Beschwerden vor und sorgt für eine neue Ausgeglichenheit. Es werden Stresshormone abgebaut, dadurch wird das Gehirn und Nervensystem positiv beeinflusst. Vor allem bei Rückenschmerzen, Asthma, Bluthochdruck, Nervosität, Reizdarmsyndrom oder Schlaflosigkeit zeigt Yoga seine eindrucksvolle Wirkung. Zudem entlasten die verschiedenen Bewegungsmuster die Gelenke, festigen Knochen und Gewebe, bringen den Stoffwechsel in Schwung und lassen die Pfunde purzeln. Auch bei Menstruations- und Wechseljahresbeschwerden sowie bei einer hormonell bedingten Migräne stellt Yoga eine erfolgreiche Methode dar.

Für wen eignet sich Yoga?

Aufgrund der vielen Stile und Richtungen ist Yoga für nahezu alle Menschen geeignet. «Jedoch sollten Patienten mit einer chronischen Erkrankung vorsichtshalber ihren Arzt fragen», rät die Yoga-Lehrerin. «Überwiegend Frauen im Alter zwischen zwanzig und fünzig praktizieren Yoga. Die Gründe hierfür liegen hauptsächlich in dem Bedürfnis nach Entspannung und einer insgesamt gesundheitsbewussten Lebenweise. Ferner hängt es auch davon ab, von welchem Yoga-Stil sich jemand angesprochen fühlt. Für bestimmte Interessensgruppen wie beispielsweise Schwangere, Kinder oder Senioren werden speziell zugeschnitte Übungseinheiten angeboten». Yoga ist eine wunderbarer Weg für ein harmonisches und bewusstes Leben, um letztlich sein wahres Selbst zu erkennen.

Weiterführende Literatur!

Der Ratgeber bietet Wissenswertes über Yoga und die schnell erfahrbaren Wirkungen auf Körper, Geist und Seele. Das Buch ermöglicht Einsteigerinnen, Yoga richtig zu erlernen und begleitet sie Schritt für Schritt durch die Übungen. Grundlage für alle Yoga-Übungen ist die richtige Atmung, danach folgen genaue Anleitungen für jede einzelne Übung. Übungsfotos mit detaillierten Beschreibungen ermöglichen jedem Anfänger einen leichten Start und lassen keine Fragen offen. Bei jeder Übung wird die spezielle Wirkung erklärt, aber auch wann eine Übung besser nicht gemacht werden sollte. Tipps zum Zusammenstellen seines eigenen individuellen Übungsprogramms runden dieses Kapitel ab. Das letzte Kapitel hält für fortgeschrittene Anfänger noch ein paar alternative Haltungen und Atemübungen parat.

Yoga für Einsteiger
von Harry Waesse und Martin Kyrein

Taschenbuch: 128 Seiten
Verlag: GRÄFE UND UNZER

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