Krank durch Zahnherde

Ganzheitliche Zahnmedizin begutachtet den gesamten Körper. Oft liegen die Auslöser für diffuse Beschwerden oder Nervenschmerzen im Mund- und Kieferbereich. Nur wer das Wechselspiel zwischen Zähnen und Organismus erkennt, hat gute Chancen, sich von einer unklaren chronischen Erkrankung zu verabschieden.

«An jedem Zahn hängt ein ganzer Mensch» - diese alte Weisheit, einst von Paracelsus (1493 bis 1541) schriftlich festgehalten, war in der Volksmedizin lange Zeit durchaus nicht unbekannt. Doch leider scheint sie für die 54jährige Andrea Luedi (Name geändert) im Zeitalter der High-Tech-Medizin keine Gültigkeit mehr zu besitzen, denn Frau Luedi musste wegen starker Migräne und Kopfschmerzen in Verbindung mit Herz-Kreislauf-Problemen und Angstzuständen eine mehr als sechs Jahre andauernde Odyssee zu einer Vielzahl von Ärzten hinter sich bringen. «Keiner konnte mir helfen», sagt Andrea Luedi, «bis ich durch Zufall auf eine medizinische Abhandlung gestossen bin, die über verlagerte Weisheitszähne als Auslöser von Migräneattacken und anderen körperlichen Erkrankungen berichtete. Ich erzählte meinem behandelnden Zahnarzt von diesem Artikel, doch er wies meine Vermutung zurück und behauptete, meine Beschwerden hätten mit Sicherheit eine andere Ursache und ich solle doch einen Internisten oder Neurologen aufsuchen. Dazu fragte er mich, ob ich es schon einmal mit einer Psychotherapie versucht habe.» Andrea Luedi gab sich jedoch mit dieser knappen Abspeisung nicht zufrieden und ging zu einem Zahnarzt, der nach den Richtlinien der ganzheitlichen Zahnheilkunde arbeitete. Ihm waren Beschwerden, wie Frau Luedi sie schilderte, durchaus bekannt. Eine sorgfältige Röntgenaufnahme bestätigte den Verdacht, der Weisheitszahn wurde entfernt. Während der Operation stellte sich heraus, dass die Krone des Weisheitszahnes gegen die Wurzel des benachbarten Zahns drückte und sich sogar beide Zähne ineinander verhakt hatten. Dies hatte zur Folge, dass die Zähne auf den Trigeminusnerv, den wichtigsten Gesichtsnerv, drückten und dadurch tatsächlich die Beschwerden einer schweren rechtsseitigen Migräne auslösten. «Nach Beseitigung beider Zähne waren die chronischen Beschwerden wie weggeblasen, für mich begann ein neuen Lebens.», so Andrea Luedi.

Krank durch Zahnherde

Nach Auffassung von Jürgen Noack aus Schüpfen im Kanton Bern, Arzt für ganzheitliche Zahnmedizin und Experte auf dem Gebiet der Komplementärmedizin, sind etwa achtzig Prozent aller unklaren Beschwerden auf kranke und verlagerte, vor allem aber auf nervtote Zähne zurückzuführen. «Doch auch Belastungen aus dentalen Werkstoffen können eine Vielzahl an Krankheitssymptomen verursachen und den ganzen Körper in Mitleidenschaft ziehen», erklärt der Arzt. Dennoch suchen die wenigsten Ärzte mögliche Ursachen für Kopfschmerzen, Migräneattacken, Nasennebenhöhlenentzündungen, Tinnitus, Gelenkschwellungen oder Rheuma in den Mündern ihrer Patienten. Die ganzheitliche Zahnmedizin hingegen beruht auf der Erfahrung, dass die Ursachen vieler Beschwerdebilder in den Zähnen zu finden sind. Nach der Lehre der chinesischen Medizin steht jeder Zahn in einer energetischen Beziehung zu den inneren Organen. So sind etwa die Weisheitszähne dem Herz-Dünndarm-Meridian zugeordnet, die Schneidezähne hingegen dem Blasen-Nieren-Meridian. Dies bedeutet, dass ein erkrankter Zahn nicht auf sich selbst beschränkt bleiben muss, sondern über Fernwirkungen auch zu Defekten an den entsprechenden Organen führen kann – und auch der umgekehrte Weg wurde beobachtet. Diese Erkenntnisse bestätigen die Zusammenhänge zwischen oraler Gesundheit und dem Allgemeinbefinden.

Vom Zahnbrecher zum Zahnarzt

Zähne beschäftigten die Menschen schon seit Jahrtausenden – so hat die Geschichte der Zahnmedizin immer noch viel mit der heutigen Zeit zu tun: Die Angst vor dem Zahnschmerz und den damit verbundenen, oft drakonischen Therapiemethoden sind trotz moderner Behandlungstechniken tief in vielen von uns verwurzelt. Der griechische Arzt Hippokrates (460 bis 377 vor Christus) empfahl, ein Glüheisen zu benutzen, wenn ein Zahn schmerzte:

Historischer Abriss der Zahnmedizin

Das heisse Eisen verkochte den Nerv im Zahn und tötete die lebendige Substanz ab. Während des Mittelalters zogen die sogenannten Zahnbrecher oder Zahnreisser, die meist den Beruf des Baders oder Barbiers ausübten, durch die Märkte und boten ihre Dienste gegen die unterschiedlichsten Beschwerden im Munde an. Sie verwendeten bei Ihrer Tätigkeit selbstangefertigte, gebogene Zangen, die Pelikan genannt wurden, weil ihre Form an den Schnabel dieses Tieres erinnert - noch heute benutzen die Zahnärzte ähnlich aussehende Instrumente. Die ersten Zahnfüllungen aus Silberamalgam entstanden etwa um 660 nach Christus, während im Mittelalter Wachsklumpen aus dem bernsteinfarbenen Harz des Pistazienbaumes verwendet wurden. Im Jahr 1450 setzte der italienische Arzt Giovanni d'Arcoli aus Bologna Blattgold ein, diese Füllungen waren allerdings nur für Reiche erschwinglich. Zwischen 1700 und 1720 entstanden die ersten Zahnbehandlungsstühle, die zunächst kaum als solche zu erkennen waren und lediglich einfache Holzsessel darstellten. Bis 1850 wurden sogar Prothesen mit Zähnen von Toten angefertigt, diese bezeichnete man als  «Waterloo-Gebisse» - nach der Schlacht von 1815, in der Napoleon eine vernichtende Niederlage erlitt: Dort wurden die Zähne der gefallenen Soldaten ausgebrochen und zu Prothesen verarbeitet. Erst im Jahre 1850 entwickelte man die ersten Porzellanzähne und setzte damit diesem schaurigen Brauch eine Ende. Etwa seit dieser Zeit machte die Zahnmedizin auch kleinere Fortschritte im Kampf gegen den Schmerz - Äther, Lachgase und Opiate wurden eingesetzt, um die Leiden der Patienten zu lindern. Als erstes Lokalanästhetikum wurde Kokain verwendet, daraus entwickelte der deutsche Chemiker Alfred Einkorn im Jahr 1905 zunächst das nicht süchtig machende Procain, aus dem er später das Medikament Novocain ableitete. Doch erst weitere fünfzig Jahre später, ab Mitte des letzten Jahrhunderts, musste jeder Deutsche, der die Zahnmedizin ausüben wollte, eine universitäre Ausbildung vorweisen. Die Schweiz war im Jahre 1914 das erste europäische Land, in dem das Promotions- und Habilitationsrecht für Zahnmedizin eingeführt wurde.

Zahnmedizin im Umbruch

Betrachtet man die Geschichte der Zahnmedizin, dann fällt auf, dass sich diese Disziplin auch heute noch mit einem vergleichsweise kleinen Aufgabenbereich beschäftigt:  In erster Linie interessiert, ob Zähne oder Zahnersatz gut sitzen und ob das Optische und das Kosmetische stimmen. Nur langsam reift die Einsicht, welche wichtige Rolle die Zähne für die Gesundheit wirklich spielen. Auch die Zahnmedizin kann sich auf Dauer nicht dem Einfluss neuer Forschungsergebnisse aus der Wissenschaft widersetzen. Während die ganzheitlichen Zusammenhänge der Traditionellen Chinesischen Medizin selbst bei Schulmedizinern mehr und mehr Anklang finden, dringt etwa die moderne Physik immer weiter in Grenzbereiche vor und liefert Erkenntnisse, die bis vor kurzem nicht denkbar gewesen wären. «Was die Chinesen bereits seit Tausenden von Jahren über die energetischen Beziehungen innerhalb unseres Organismus wissen und etwa in der Akupunktur anwenden, wird in letzter Zeit durch neue Erkenntnisse in der physikalischen Forschung bestätigt,» erläutert Zahnarzt Jürgen Noack. «Leider werden weder das alte Wissen noch die neuere Forschung in der Humanmedizin anerkannt, denn die Konsequenz wäre, die heutige, lediglich an Symptomen orientierte Sichtweise des Menschen in Frage zu stellen. Diesen Schritt scheinen jedoch viele Mediziner noch nicht gehen zu können oder zu wollen.»

Ganzheitliche (Zahn)Medizin

In der Schweiz wie auch in Deutschland gibt es nur eine kleine Minderheit von Zahnärzten, die sich zu einer ganzheitlichen Sichtweise ihrer Patienten entschliessen konnten und ihre Behandlungstechniken entsprechend umgestellt haben. Oft werden ihre Methoden von rein schulmedizinisch arbeitenden Kollegen deswegen als unwissenschaftlich abgetan und nicht ernst genommen. Dennoch gibt es immer mehr Patienten, die einen ganzheitlich orientierten Zahnarzt aufsuchen, weil ihnen die konventionelle Medizin bislang nicht helfen konnte. «Nicht selten verschwinden während der Beseitigung von Zahnherden Herz-Kreislauf-Störungen, Abmagerung, Energielosigkeit, Blasen- und Nierenentzündungen, Allergien, akute Gelenkschwellungen, Schlafstörungen, Depressionen, Blutarmut, Schwindelanfälle, Nervosität, Verdauungsbeschwerden, Entzündung oder Schwellung der Mandeln, Haarausfall, Gallenbeschwerden, Kopfschmerzen oder Migräne», weiss der Zahnarzt Jürgen Noack zu berichten. Dazu bezieht der ganzheitlich denkende Arzt stets die Gefühlslage des Patienten mit ein, denn durch das Erkennen seelischer Probleme wird der Mensch besser in seiner Gesamtheit verstanden und kann entsprechend mit naturheilkundlichen Methoden unterstützt werden. Auf die Frage, was genau denn ein Zahnherd sei, antwortet Jürgen Noack: «Ein Störfeld oder Zahnherd bezeichnet alles, was krankmachende Fernwirkungen auslösen kann. Die Ursachen sind meistens im Auftreten von Bakterien zu suchen, es können aber auch giftige Substanzen wie bestimmte Wurzelfüllmaterialien oder Schwermetalle wie Amalgame oder Palladium-Kupfer-Legierungen sein. Und nicht zuletzt kommen auch belastende Lebenssituationen wie frühkindliche, nicht lösbare seelische Konflikte oder der Tod eines geliebten Menschen als Störfeld-Ursache in Frage.» Im Verlauf eines Herdgeschehens können sich viele diffuse Beschwerdebilder entwickeln. Die Betroffenen sind plötzlich nicht mehr so leistungsfähig, die Lust am Wandern oder Sport geht verloren und das Bedürfnis nach Schlaf nimmt zu. Jürgen Noack berichtet weiter: «Die Auswirkungen eines kranken Zahnes sind nicht bei allen Patienten gleich, sondern können individuell stark variieren. Daher unterscheiden sich die Beschwerden je nach Konstitution und Vorbelastung.» Leider sind Zahnherde mit den üblichen Untersuchungsmethoden und Röntgenverfahren nicht immer sicher zu diagnostizieren, derzeit lassen sich damit nur etwa dreissig bis vierzig Prozent der Herde erkennen. «Aus diesem Grunde bezieht die ganzheitlich orientierte Zahnmedizin neben Speichel-, Blut- und Urintests – die zudem noch Hinweise auf Schwermetallbelastungen geben können - auch alternative Diagnosemöglichkeiten mit ein», so der Experte.  Es gibt eine Reihe von Verfahren, die einen Herd aufspüren können: Hierzu zählen vor allem energetische Tests wie beispielsweise die verschiedenen Methoden der Elektroakupunktur, bioelektronische Funktionsdiagnostik (BFD), Impulsdermographie (IDG), Decoder-Dermographie, Vega-Test, Neuraltherapeutische Tests oder Kinesiologie.

Ganzheitliche Zahnmedizin

Der Mund des Menschen ist einzigartig. Wir haben einzigartige Zähne und wir haben ein einzigartiges Kiefergelenk. Krankheiten im Mund können viele Bereiche im ganzen Körper beeinträchtigen. Eine falsche Zahnstellung kann verhindern, dass richtig zusammengebissen werden kann. Hierdurch können Probleme mit dem Magen und dem Darm entstehen. Es kann auch zu einer falschen Atmung kommen, wie es z. B. die Mundatmung ist. Mundatmung verursacht Halsentzündungen und Haltungsstörungen. Ein toter beherdeter Zahn kann das Immunsystem schädigen. Krankes Zahnfleisch wird als Ursache für Herz- und Kreislauferkrankungen diskutiert. Zahnfehlstellungen können die Haltung und die Entwicklung des Skeletts behindern. Und, und, und – die Liste der Zusammenhänge ist lang und kompliziert. Genau diese vielen Zusammenhänge spielen in der ganzheitlichen Zahnmedizin die entscheidende Rolle. Einen Überblick über das Wo, Wie und Warum zu geben, ist die Idee dieses Buches.

Ganzheitliche Zahnmedizin
Deine Zähne, Dein Körper, die Zusammenhänge
von Stefanie Morlok

Taschenbuch: 132 Seiten
Verlag: Books on Demand

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