Mobbing - Demütigung am Arbeitsplatz

Abfällige Bemerkungen, persönliche Beleidigungen oder geringe Wertschätzung: Mobbing am Arbeitsplatz hat viele Facetten und findet in jeder Berufsgruppe statt. Mobbing geht an die Nerven und macht krank.

Demütigung am Arbeitsplatz

Man schätzt, dass in der Arbeitswelt in Deutschland etwa 1,8 Millionen Menschen unter Mobbing leiden. Dabei gibt es nicht «das typische Mobbingopfer», dennoch trifft es oft bestimmte Risikogruppen wie etwa Auszubildende, ältere Mitarbeiter und Frauen. Arbeitet jemand, der zu einer dieser Gruppen gehört, noch dazu in einem mobbing-gefährdeten Beruf, ist die Gefahr eher gegeben, sich den Kränkungen von Kollegen oder Vorgesetzten aussetzen zu müssen. Zu den Spitzenreitern dieser gefährdeten Berufe zählt vor allem der soziale Bereich: So ist zum Beispiel für Heilerziehungspfleger, Erzieher, Altenpfleger oder Sozialpädagogen das Mobbingrisiko im Gegensatz zu anderen beruflichen Sparten stark erhöht. Mobbing im Beruf kann gravierende Folgen für die Gesundheit der Betroffenen haben. Etwa neunzig Prozent der gemobbten Personen entwickeln körperliche und seelische Beschwerden. Dabei stellen sich Symptome wie Kopfschmerzen, Magen-Darm-Erkrankungen, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Ängste oder Schlafstörungen bis hin zu ernsthaften Depressionen ein. Auch Kollegen, die nicht direkt die Folgen von Mobbing zu spüren bekommen, können Ängste davor entwickeln, selbst gemobbt zu werden. Unter Umständen geraten sie in eine unüberbrückbare Konfliktsituation, bei der sie sich zwischen Opfer und Täter entscheiden müssen.

Mobbing entsteht schleichend

Mobbing entsteht schleichend

Mobbing beginnt oft schleichend und unterschwellig. Man wird nicht zum Betriebsausflug eingeladen. Man erhält nicht die nötigen Informationen, wenn Neuerungen eingeführt werden. Oder man wird in Teambesprechungen einfach ignoriert. Im weiteren Verlauf wird der oder die Gemobbte mehr und mehr unter Druck gesetzt, für ungeeignet erklärt und schliesslich komplett ausgegrenzt. Es werden auch noch so kleine Fehler gesucht und auch gefunden und diese dann mit demütigenden und kränkenden Bemerkungen des Täters unterlegt. Auch wiederholtes Anschreien oder das Bloßstellen vor anderen Mitarbeitern sowie das Übertragen von unqualifizierten Tätigkeiten gehören dazu. Oft liegen auch ungleiche Machtstrukturen vor. So kann sich die betroffene Person, die auf einem Gebiet fachlich kompetent ist, in ihrem Tätigkeitsfeld nicht entfalten, weil sie von oberster Stelle ausgebremst und nicht ernst genommen wird. Aus dem ganzen Geschehen heraus fühlen sich die Mobbing-Opfer mehr und mehr in die Rolle des Außenseiters gedrängt. Sie reagieren darauf mit Rückzug, Misstrauen und Angst. Als Folge davon können sich die Beschwerden auch auf der körperlichen Ebene manifestieren, sodass Fehlzeiten sowie eine abnehmende Arbeitsleistung keine Seltenheit sind. Schreitet der Mobbing-Prozess unaufhaltsam fort, endet dies meist mit dem Ausspruch einer Kündigung durch den Arbeitnehmer.

    

Mobbing verläuft in Phasen

Phase 1:
Zu Beginn entsteht ein ungelöster Konflikt und sorgt für ein schlechtes Arbeitsklima. Der Betroffene erhält von seinen Kollegen oder dem Vorgesetzten eine Schuldzuweisung. Der ungelöste Konflikt wird nicht bearbeitet, sodass dieser im Laufe der Entwicklung immer mehr in den Hintergrund tritt. Es kommt in der Regel zu persönlichen Auseinandersetzungen.

Phase 2:
Die betroffene Person wird jetzt zur Zielscheibe und verliert zunehmend an Selbstbewusstsein. Niemand will mit ihr was zu tun haben, die Kollegen grenzen sie aus.

Phase 3:
Der Gemobbte ist während der Arbeit häufig unkonzentriert und es unterlaufen ihm Fehler. Er entwickelt psychosomatische Beschwerden, die zu zahlreichen Krankheitstagen führen. Er erweckt bei seinen Vorgesetzten den Eindruck, nicht mehr für die ihm zugewiesene Tätigkeit geeignet zu sein. Dadurch entstehen arbeitsrechtliche Konsequenzen wie etwa Abmahnungen, die Versetzung in eine andere Abteilung oder es droht sogar eine Kündigung.

Phase 4:
Im fortgeschrittenen Stadium hält der Betroffene die Situation am Arbeitsplatz nicht mehr aus und kündigt selbst oder er wird vom Arbeitgeber entlassen.

Ungünstige Rahmenbedingungen in der Arbeitswelt

Ungünstige Rahmenbedingungen der Arbeitswelt

Dürftige Rahmenbedingungen eines Betriebes können generell zu einem schlechten Arbeitsklima führen, welches wiederum Mobbing den Weg ebnen kann. Dazu zählen beispielsweise unklare Aufgabenverteilungen und Verantwortlichkeiten, das Übertragen von unqualifizierten Tätigkeiten, hierarchische Strukturen, fehlende Anerkennung sowie mangelnde Kommunikation. Auch Personaleinsparung trägt dazu bei, dass viele Tätigkeiten zusätzlich von den Mitarbeitern übernommen werden müssen, die dann zu Überforderung, Leistungsdruck und Stress führen. Dadurch können sich Fehler und Versäumnisse einschleichen, wofür oft ein «Schuldiger» gesucht wird. Zudem kann Mobbing auch aus Langeweile oder Unterforderung entstehen, weil Arbeitskräfte ihre Qualifikationen nicht einbringen können. So beschäftigen zum Beispiel viele Altenheime Ergotherapeuten, die nicht entsprechend ihren Fähigkeiten eingesetzt werden, sondern pflegerische Tätigkeiten durchführen sollen. Dies muss dann jedoch offiziell im Rahmen einer ergotherapeutischen Maßnahme (z. B. Wasch- und Anziehtraining, Basale Waschung, Ess- und Trinktraining) dokumentiert werden, damit das Prestige des Altenheimes gewahrt bleibt und der MDK (Medizinischer Dienst der Krankenversicherung) eine gute Pflegenote vergibt. Diese ergotherapeutischen Maßnahmen können höchstwahrscheinlich mit der Pflegeversicherung entsprechend anders bzw. zu einem höheren Satz abgerechnet werden.

Folgen von Mobbing

Mobbing führt in den meisten Fällen zu massiven Beschwerden, weil die ständigen Kränkungen und Beleidigungen auf Dauer in Krankheit münden. Fast neunzig Prozent der Gemobbten klagen während eines Mobbingprozesses sowie auch lange Zeit danach über psychische und physische Probleme. Viele verlieren ihren Arbeitsplatz, was weitere finanzielle und soziale Probleme nach sich zieht. Beschwerden wie Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Angstzustände, Rückenschmerzen oder Niedergeschlagenheit münden nicht selten in ernsthafte Erkrankungen. So treten nach einer langen Mobbingphase oft schwere Depressionen, Magen-Darm-Beschwerden, Tinnitus oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen auf. Nicht selten können die Erkrankungen über ein Jahr lang andauern, sodass die Betroffenen eine Kur oder psychotherapeutische Hilfe in Anspruch nehmen müssen, um das Erlebte zu verarbeiten. Ferner können langanhaltende Mobbing-Attacken ein Burnout-Syndrom begünstigen.

Definition «Mobbing»
Unter Mobbing versteht man einen lang andauernden Prozess, in dem eine Person belästigt, beleidigt, ignoriert oder schikaniert wird. Diese Attacken treten häufig über einen längeren Zeitraum von mindestens einem halben Jahr auf. Das Ziel besteht darin, den Mobbingbetroffenen auszugrenzen. Der Begriff Mobbing hat seine Wurzeln im lateinischen «mobile vulgus», was «aufgewiegelte Volksmenge oder Pöbel» bedeutet. Ferner geht das Wort auf das englische Verb «to mob» zurück, was so viel wie «anpöbeln» ausdrückt. International wird derzeit der Begriff «bullying» verwendet. In deutscher Übersetzung wird dies als «brutaler Kerl, Schläger oder Tyrann» bezeichnet. Für die systematische Schikane durch Vorgesetzte hat sich das Wort «Bossing» etabliert. Es gibt auch Hinweise darüber, dass der Verhaltensforscher Konrad Lorenz im Jahr 1963 den Ausdruck Mobbing genutzt hat, um damit den Angriff einer Gruppe von Tieren auf einen Störenfried zu beschreiben.

Mobbing-Prävention durch Unternehmen

Mobbing schadet nicht nur den Betroffenen, sondern auch dem jeweiligen Unternehmen. Durch den ständigen Mobbing-Druck erkranken Beschäftigte häufiger, dadurch werden Institutionen und Unternehmen finanziell belastet und verlieren Arbeitskraft. Psychisches und physisches Wohlbefinden ist daher zu einem bedeutenden Wettbewerbsfaktor geworden. So sollte ein Betrieb alles in die Wege setzen, um Mobbing gar nicht erst aufkommen zu lassen. Hierbei stehen vor allem ein gutes Arbeitsklima sowie die Konfliktlösung innerhalb der Firma durch eine Vertrauensperson oder Vorgesetzte im Vordergrund. Mittlerweile gibt es in grossen Unternehmen wie beispielsweise beim Automobilbauer «Ford» eigens dafür eingerichtete Beratungsstellen, um Konflikte und Mobbing am Arbeitsplatz zu verhindern. So kann schon im Vorfeld an bestimmten Frühwarnzeichen (z. B. «Wie hoch ist der Krankenstand?», «Wie ist die Teilnahme an betrieblichen Feiern»? oder «Wie groß ist das Engagement der Mitarbeiter?») die allgemeine Stimmungslage der Beschäftigten innerhalb eines Betriebes abgelesen werden. Doch leider zeigt die Realität, dass dies nicht überall so gehandhabt wird. Gerade in sozialen Einrichtungen wie etwa in Altenheimen herrscht ein ganz anderes Bild vor. Ein Großteil der Pflegedienstleiter wird von der Geschäftsführung angehalten, das letzte aus dem Pflegepersonal herauszuholen. So sind fehlende Pausen, Doppelschichten oder Zwangsüberstunden keine Seltenheit, die Bezahlung dagegen gleicht einem Hungerlohn. Zum Leidwesen der Beschäftigten gibt es noch immer in vielen Altenheimen weder Tarifverträge noch Betriebsräte oder eine Arbeitnehmervertretung. Unabhängige Untersuchungen zeigen, dass das Krankheitsrisiko in stationären Pflegeeinrichtungen wesentlich höher ist als in anderen Berufssparten. In einer Erhebung der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege heißt es, dass der psychische Gesundheitszustand des Pflegepersonals um etwa zwölf Prozent schlechter sei als in anderen Berufsgruppen. Bei den psychosomatischen Beschwerden kam die Studie zu dem Ergebnis, dass diese bei über vierzig Prozent liegen. Dennoch unternehmen Heimbetreiber meist wenig bis nichts dafür, um die Arbeitsbedingungen zu verbessern.

Möglichkeiten der Gegenwehr

Mobbing-Tagebuch

Betroffene können sich meist nur schwer gegen Mobbing wehren und aus eigener Kraft diesen Teufelskreis nicht durchbrechen. Dennoch sollten sie zunächst eine Aussprache mit dem Mobber suchen, um das Problem zu lösen. Leider ist diese Selbsthilfe nur selten erfolgreich. So zeigen wissenschaftliche Studien, dass diese Versuche in mehr als vier von fünf Fällen scheitern. Dennoch sollten sich die Mobbing-Opfer nicht von einer direkten Selbsthilfe abhalten lassen. Vor allem im Anfangsstadium können vielleicht die bestehenden Konflikte durch ein klärendes Gespräch vermieden werden. Zudem sollten die Betroffenen das Mobbing für die Kollegen oder auch Zeugen offensichtlich zu machen, da die Angelegenheit unter Umständen Gegenstand eines Arbeitsgerichtsprozesses werden kann. Ferner ist das Führen eines schriftlichen Protokolls mit Zeitangabe sinnvoll. Falls es Betriebsärzte oder Vertrauenspersonen gibt, sollten sich die Mobbing-Opfer ihnen anvertrauen. Auch Vorgesetzte, wenn diese nicht gerade zu den Mobbern zählen, können durch Gespräche, Abmahnungen oder innerbetriebliche Versetzungen zur Deeskalation beitragen. Wenn jedoch gar nichts hilft, bleibt leider nur als letzte Maßnahme zu kündigen. Auch wenn der Abschied dann oft als Niederlage interpretiert wird, sollten sich die Betroffenen bewußt machen, dass derartige Unternehmen oder auch soziale Einrichtungen wie Altenheime diese qualifizierte Arbeitskräfte nicht verdienen, obgleich sie in der Regel dringend darauf angewiesen wären.

Tipps gegen Mobbing

  • Mobbing-Tagebuch führen
  • Verbündete suchen
  • Verbal zur Wehr setzen
  • Aussprache mit dem Mobber suchen – am besten im Beisein eines Zeugen
  • Stressbewältigung in Form von Meditation, Sport oder Entspannungsübungen
  • Psychologische Hilfe in Anspruch nehmen
  • Behandelnden Arzt informieren und ein Gutachten bzw. Attest erstellen lassen
  • Rechtsanwalt, eine Mobbingberatungsstelle oder eine Selbsthilfegruppe aufsuchen
  • Rhetorikkurs oder ein Seminar über Körpersprache besuchen
Mobbing erfolgreich bewältigen

Schikanen und Konflikte am Arbeitsplatz sind leider keine Seltenheit – jährlich gibt es über 100.000 neue Mobbingfälle. Wie kommt man aber aus der Mobbingfalle raus und wie kann man diese zermürbenden Gegebenheiten auch langfristig bewältigen? Wie kann man endlich wieder normal arbeiten? Josef Schwickerath erläutert anschaulich, wie Sie Mobbing bewältigen können. Dieser Weg lässt sich in vier Schritte einteilen: • Abstand von der Mobbingsituation gewinnen • Die Mobbingsituation verstehen – was passiert da tatsächlich? • Entscheidungen treffen – wie geht es nun weiter? • Handeln – Entscheidungen umsetzen und Ziele verfolgen Die Bearbeitung dieser Schritte hilft Ihnen dabei, eine Perspektive für Ihre Zukunft zu entwickeln, Ihre Problemlösefähigkeiten zu verbessern und ein stärkeres Selbstvertrauen zu entwickeln. Dadurch wird Ihnen ein alltagstauglicher Weg zurück in ein gesundes Arbeitsleben eröffnet. Hinweise zu weiteren Hilfemöglichkeiten sowie zu rechtlichen Aspekten runden das Buch ab. Mit Arbeitsblättern zu den vier Schritten zum Download.

Mobbing erfolgreich bewältigen
In vier Schritten aus der Mobbingfalle.
Mit Arbeitsmaterial zum Download
von Josef Schwickerath

Gebundene Ausgabe: 163 Seiten
Verlag: Beltz

Weitere Infos zu diesem Buch finden Sie unter: Rezensionen

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